Puttin’ on the Ritz

Als die NBA 2012 zu Gast in Berlin war, war alles anders: Die Mavericks waren NBA-Champion, Dirk stand auf dem Feld und die Wagner-Brothers saßen staunend im Publikum. Jetzt sind Franz und Moritz mit den Orlando Magic in der Stadt, und Dirk steht für Amazon Prime an der Seitenlinie. Hier ein 2012er-Throwback-Kapitel aus »The Great Nowitzki« für euch.

Der Herbst kam, und ich ertappte mich dabei, dass ich Artikel über Dirk Nowitzki las, anstatt für meinen Roman zu recherchieren, dass ich sie ausschnitt und an die Pinnwand meines Arbeitszimmers heftete.

»Soll das ein Buch werden?«, fragte meine Frau und lachte. »The Great Nowitzki?«

»Auf keinen Fall«, sagte ich, und glaubte mir selber nicht ganz. »Er interessiert mich einfach.« Vermutlich hätte meine Frau die Pinnwand weggeschmissen und die Schnipsel zerknüllt, wenn sie gewusst hätte, wie viel ich in den folgenden Jahren über Basketball und über Nowitzki reden würde, wie viel Zeit ich in Dallas und sonst wo verbringen würde.

Im Oktober bekam ich eine Einladung von Dirk Nowitzkis deutschem Sponsor, einer Direktbank, für die er seit mehr als zehn Jahren das Testimonial war. Ulrich Ott, der Leiter der Unternehmenskommunikation, ließ anfragen, ob er mich zu einem Gala-Diner zu Ehren Dirk Nowitzkis einladen dürfe. Nowitzki werde Anfang Oktober in Berlin mit dem Transatlantic Partnership Award ausgezeichnet, nicht für seine sportlichen Erfolge, sondern für sein soziales Engagement und seine Arbeit als transatlantischer Botschafter, und zwar am Vorabend des Freundschaftsspiels der Dallas Mavericks gegen Alba Berlin. Meine Geschichte über Nowitzki habe ihm gefallen, er würde sich freuen, mich kennenzulernen.

Ich sagte zu. Ott war promovierter Amerikanist, Schwerpunkt Gegenwartsliteratur, jetzt bei einer Bank, und es würde mit Sicherheit interessant sein, mit einem Literaturwissenschaftler über Dirk Nowitzki zu sprechen. Wolf Lepenies würde auch da sein. Zum Spiel am nächsten Abend wollte ich sowieso gehen, und vielleicht ergäbe sich vorher die Gelegenheit, noch ein paar Worte mit Dirk Nowitzki zu wechseln.

Das Ritz-Carlton stand am Rand des Potsdamer Platzes wie erfunden. 19 Stockwerke Art-déco-Bling-Bling-Neubau, ein Eingangsportal wie gemacht für Kutschen, Pelzkragen und Zylinder. F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda wären hier eingekehrt, wären sie jemals in Berlin gewesen, sie hätten hier im Springbrunnen gebadet (wenn es einen gegeben hätte). Man rechnete mit Smokings und Paillettenkleidern, Bobs und Old Fashioneds, aber nicht mit Basketballspielern. Im Ballsaal des Ritz wurde aufgetischt, gedeckt war für einige Hundert sorgsam ausgewählte Gäste an runden Tischen, eine Armee livrierter Kellner schwirrte herum, schenkte ein, schenkte nach. Dicke Teppiche, glatter Marmor, ein riesenhafter Kronleuchter. Die Musik spielte leise, Absätze klackerten laut. Ich kannte hier fast niemanden persönlich, aber alle waren da: Prominente und Politiker, Musiker und Schauspieler, Familie und Freunde. All diese Leute waren wegen Dirk Nowitzki gekommen.

Am Tag darauf würden die Mavericks ihr Showspiel gegen Alba Berlin spielen. Jedes Jahr in der Saisonvorbereitung schickte die NBA ein paar ihrer Teams auf Promotour durch die Welt, um gegen die besten Teams der anderen Kontinente anzutreten. Es ging ums Prestige und das Erschließen neuer Märkte. Die Europäer steckten dann meistens schon tief in ihrer Saison, die Amerikaner begannen gerade erst mit ihrer Vorbereitung. Dass die Mavericks ein Jahr nach ihrer Meisterschaft nach Deutschland beordert wurden, war nur logisch. Die Infrastruktur in Berlin war optimal, 14,500 Zuschauer würden morgen Abend ihren Klub und ihren Dirk Nowitzki sehen wollen. Morgen würden in der O2 World unten am Fluss zwei Welten gegeneinander antreten. Aber jetzt standen wir alle noch in der Gegend herum und tranken zu schnell zu viel Champagner. Wir warteten.

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Als Dirk Nowitzki dann endlich das Hotel betrat, in Fliege und Smoking und mit einer Entourage aus Anzugträgern mit nüchternem Blick, drehten sich ihm die Gesichter zu wie Blumen zur Sonne. Blitzlichter, Kameraleute, Dirk hier, Dirk bitte, Dirk da. Nowitzki und seine Frau Jessica arbeiteten sich langsam und händeschüttelnd durch die Lobby und die Treppe hinauf, dann setzten sie sich an einen Tisch in der Mitte des Saals.

Die Kellner servierten Gang um Gang, nach und nach zogen sich die Kreise um Nowitzki enger. Trotz des Essens waren alle Augen auf ihn gerichtet. Bereits zwischen Vorspeise und Fleischgang war es dann so weit. Ein Mann im Smoking näherte sich vorsichtig dem Tisch, zögerte, tat unbeteiligt, niemand hielt ihn auf, dann verwarf er sein Zögern und ergriff die Gelegenheit. Er trat an Nowitzki heran und beugte sich zum kauenden Dirk. »Ich will nicht stören«, sagte der Mann. »Aber mein Sohn hätte gerne …« Nowitzki sah auf, legte Messer und Gabel zur Seite und unterschrieb. Er nickte, dann nahm er einen weiteren Bissen. Aber der Damm war gebrochen. Die Selfie-Schlange begann sich um den Tisch zu wickeln. Wirtschaftsbosse und ihre Söhne stellten sich an, Menschen aus der Welt des Sports, Politiker und Künstler, Kellnerinnen und Radiomoderatoren. Alle wollten ein Bild, eine Unterschrift, eine Erinnerung. Selbst in der Gesellschaft geladener Gäste konnte Dirk Nowitzki nicht in Ruhe essen.

Vielleicht lag es am Champagner, dass der Abend so schnell verflog. Eric Olson, ein weißhaariger Herzchirurg aus Dallas, hielt die Laudatio, er sprach von Dirks tatsächlich und metaphorisch großem Herzen, der Startrompeter Till Brönner spielte ein eigens komponiertes Stück. Der Preis wurde überreicht von Bankchef Roland Boekhout, der Chef der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer Fred B. Irwin stand mit auf der Bühne, ein Dokumentarfilmteam filmte jeden Schritt und jedes Wort Nowitzkis. Im Applaus des Saals stand Nowitzki auf und humpelte winkend auf die Bühne.

Der Dirk Nowitzki, der an diesem Abend im Herbst 2012 auf das Podium stieg, hatte alles erreicht, was ein Sportler erreichen konnte. Ein Junge aus Würzburg war der größte deutsche Basketballer geworden, der – wahrscheinlich – beste Europäer aller Zeiten, er hatte Dallas eine Meisterschaft gebracht. Mehr als 1500 Spiele, 40.000 Minuten, 25.000 Punkte. Viel zu viele individuelle Auszeichnungen und Preise, um sie hier aufzuzählen: für seinen Sport, für seine Bedeutung in der Gesellschaft, für seine Großzügigkeit. Heute Abend: für seinen Beitrag zum transatlantischen Verhältnis. Mit seinen 35 Jahren war er einer der ältesten Spieler der Liga, es war praktisch ein Wunder, dass er überhaupt noch auf diesem Niveau spielen konnte. Dass er noch gehen, geschweige denn rennen und springen konnte. Die Dankesrede, die Dirk Nowitzki hielt, war rührend und etwas ungelenk, aber ich begriff, dass genau das der Grund für die Liebe des Saals war.

Ich sah in die Gesichter: Ein paar Kinder saßen wie angewurzelt auf ihren Stühlen, starstruck und aufgeregt. Ich sah Wolf Lepenies und ein paar Spieler der Mavericks, Coach Carlisle, Teambesitzer Mark Cuban. Dirk Nowitzkis Familie saß dort, seine Schwester Silke und seine Eltern, sichtbar stolz auf Dirk, ein paar Wegbegleiter, eine illustre Gesellschaft. Nowitzkis Ehefrau Jessica leuchtete, der Raum rotierte um sie herum, es kam mir vor, als würde das Scheinwerferlicht sie suchen, nicht umgekehrt. Ich sah die Journalisten, die Sportfunktionäre, die Transatlantiker. Die offiziellen Repräsentanten der NBA.

Für jeden dieser Menschen bedeutete Dirk Nowitzki etwas anderes. Er war an diesem Abend ihre Werbefigur, ihr Freund, ihr Bruder, ihre Lebensversicherung, ihr Vorbild und ihr Versprechen. Er war in diesen Tagen das Gesicht der Liga und ihr Hoffnungsträger. Für die Deutschen war er Botschafter, für die Amerikaner war er Symbol ihrer Weltzugewandtheit. Wieder andere sahen in ihm eine Businessmöglichkeit. Einen Ausweg. Einen Hoffnungsschimmer. Für mich war er die Verwirklichung eines alten Traums, eine Art Stellvertreter für einen Lebensweg, den ich und alle anderen Basketballer, die ich kannte, nicht hatten gehen können. Während Dirk Nowitzki seine Rede hielt, wurde mir klar, für wie viele unterschiedliche Konzepte der Mann dort vor uns auf der Bühne als Projektionsfläche herhalten musste.

Trotzdem schien er diesen unberührbaren und unerreichbaren Kern zu haben. Das, was Lepenies »Lauterkeit« nannte, was die Medien als »bodenständig« bezeichneten. Etwas, über das sich Basketballer die Köpfe heißredeten, etwas, das sie in Worten und Zahlen zu greifen versuchten.

Dirty. Wunderkind. GOAT.

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Während ich zusah, wie Nowitzki von der Bühne stieg und sich zurück zu seinem Platz kämpfte, durch den Applaus und die Wünsche und Erwartungen des Publikums, fragte ich mich, ob dieser Kern zu beschreiben wäre. Ob man ihm nahe genug kommen könnte, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie das System Nowitzki funktionierte. Ob man mit all diesen Trabanten sprechen müsste, die ihn umkreisten, um ihn zu begreifen. Wie es war, Dirk Nowitzki zu sein. Was konnte man erzählen über einen Menschen, der seinen Traum verwirklicht hatte? Der wirklich zu lieben schien, was er tat. Der seine Sache wirklich beherrschte. Man trifft, nicht oft Menschen, die sich einer Sache derart enthusiastisch und grundlegend widmen. Die Meisterschaft erlangen. Vielleicht war es das, was mich an Dirk Nowitzki faszinierte.

Ich sah mich um. All diese Leute hatten seinen Weg verfolgt, viele hier waren ihn mitgegangen. Es gab unzählbar viele Geschichten von Dirk Nowitzki, jeder im Saal hatte ganz eigene Erinnerungen und Momente. Geschwindner hatte seine, Wolf Lepenies hatte andere. Till Brönner erinnerte sich anders als Nowitzkis Coaches und Mitspieler, die Journalisten, die Fans und die Taxifahrer, sie alle hatten ihre ganz eigene und subjektive Verbindung zu Dirk Nowitzki. Es waren große und bedeutende Geschichten, es waren kleine Anekdoten. Ich hatte meine (sie kam mir vor wie ein Buch).

Der Mann des Abends verschwand so schnell, wie er gekommen war. Morgen war Spieltag. Als Nowitzki aufbrach, stand der Saal noch einmal auf und applaudierte. Nowitzki stakste an unserem Tisch vorbei, kurz sah er mich an, zumindest kam es mir so vor. Ich hob die Hand, er hob den Daumen. Dann war er verschwunden. Wir anderen blieben noch, wir lockerten die Krawatten, die Kellner schenkten nach. Ulrich Ott stellte sich vor, Freund Geschwindners und Dirk-Enthusiast. Ich traf seine rechte Hand Florian Krenz, einen ehemaligen Footballspieler, Offensive Tackle, Medienmann und an Abenden wie diesem auch eine Art zusätzlicher Bodyguard für Nowitzki. Ein paar Fans und Bewunderer hatten sich in den Saal gemogelt, ein paar Hotelgäste, dazu die üblichen Trittbrettfahrer und Nutznießer.

Ich hing noch eine Weile mit ein paar Sportjournalisten an der Bar (Journalisten sind immer die Letzten). Die Kellner räumten ab und stellten die Stühle hoch, wir diskutierten über das Spiel morgen, es wurden Wetten abgeschlossen, die Mavericks würden gewinnen. »Nein, Alba!« – »Ums Verrecken nicht!« Wir redeten, wir spekulierten, wir waren betrunken und stellten uns vor, wie es werden würde. Dirk Nowitzki war da längst im Bett.

Das Spiel am nächsten Abend sollte das erwartete Spektakel werden. Die Halle würde voll werden, der Sieg der Mavericks knapp. Dirk Nowitzki würde über das Feld staksen und nur neun Punkte erzielen, aber beide Lager würden ihn bejubeln. Sein Knie würde zwicken, aber er würde sich zwingen, weil es ihm wichtig war, vor seiner Familie und seinen Freunden zu spielen. Im dritten Viertel würde er einen völlig freien Korbleger vergeben, und alle würden schmunzeln. Dallas würde gewinnen. Am nächsten Tag sollte der Mavericks-Tross Richtung Barcelona weiterziehen, aber dort würde Nowitzki dann schon nicht mehr spielen. Sein Knie würden ihm ernsthafte Probleme bereiten, und diese Probleme würden ihn die ersten siebenundzwanzig Spiele der Saison 2012/13 kosten. Man diskutierte ab jetzt über sein Alter, über die Herausforderungen seiner langen Karriere, den ramponierten Körper. Man würde ab jetzt mit einem fazitären Unterton über Dirk Nowitzki sprechen.

Man würde mit dem Ende rechnen, es aber nicht sagen.

 

– Auszug aus The Great Nowitzki

___ von Thomas Pletzinger.

Foto © IMAGO/Annegret Hilse