»Sport bringt Menschen zusammen – zumindest in der Theorie. Doch was braucht es, damit sich wirklich alle gesehen, respektiert und zugehörig fühlen? In dieser Folge spreche ich mit Rachel Etse, Diversity-Trainerin, Speakerin und Expertin für Antidiskriminierung und rassismuskritische Bildung, über die Rolle von Vielfalt im Sport und die Verantwortung von Trainer:innen als Gestalter:innen von Teamkultur. Gemeinsam schauen wir darauf, warum Diversity weit mehr ist als ein gesellschaftliches Schlagwort, welche Chancen in unterschiedlichen Perspektiven liegen und wie Trainer:innen auf diskriminierende Aussagen oder schwierige Situationen im Trainingsalltag reagieren können.
Eine Folge für alle, die Sport als Lern- und Lebensraum verstehen und Verantwortung für ein respektvolles Miteinander übernehmen möchten. Viel Freude beim Zuhören!«
Silke Nowitzki: Welche Chancen für Teams siehst du darin, sich mit Rassismuskritik oder auch Diversity als großem Thema anzunähern?
Rachel Etse: Das ist einmal dieses humanistische, wo man ganz klar sagt, hey, Diversity oder unterschiedliche Perspektiven haben einfach eine Daseinsberechtigung, weil sie da sind. Da müssen wir eigentlich gar nicht drüber diskutieren. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass wir aufhören, diese Perspektiven zu unterdrücken, was Teil des historisch gewachsenen Systems ist.
Das andere ist, wenn wir über den Nutzen sprechen, diese Wertschätzung für eine Perspektivenvielfalt zu haben […]. Wenn wir uns die Welt anschauen, gibt es nicht nur eine Perspektive. Das funktioniert nicht. Man hat versucht, es über die Geschichte hinweg so hinzuframen, dass nur bestimmte Gruppen sprechen können. Das ist aber nicht der wahre Zugang zur Realität. […]
Das heißt, wenn wir Themen besprechen wollen – das können kritische gesellschaftspolitische Themen sein oder einfach Sachen, die einfach wirklich Arbeit betreffen –, dass wir mit dieser Perspektivenvielfalt einen viel besseren Weg haben, um Probleme zu lösen, also Lösungskompetenz zu entwickeln. Weil wir einfach unterschiedlich drauf schauen und die blinden Flecke einer Person ausgeglichen werden können, weil eine andere Person einen anderen Background, einen anderen Blick hat. Und wenn wir das dann zusammenbringen, haben wir ganz andere Tools, um mit den Herausforderungen dieser verdammt großen, global vernetzten Welt umzugehen. Deswegen braucht es einfach diese Perspektivenvielfalt.
Was macht einen Trainingsort zu einem Ort, wo sich die Menschen zugehörig fühlen können?
Gerade wenn du im Sport dieses vielfältige Team hast, musst du immer benennen: Wer ist eigentlich die Person, die dieses Team trainiert? Denn diese Person hat auch eine Position. […]
Und wenn ich dieses Bewusstsein habe für diese verschiedenen Lebensrealitäten und auch eine soziale Werkschätzung, aber auch gucke, wo würden diese Personen wahrscheinlich auch im sportlichen Alltag Diskriminierung zum Beispiel erleben. Das würde im Teamgefüge alles verändern, weil das auch bedeutet, hey, wenn was passiert, dann haben zum Beispiel die Mädchen das Gefühl, ja, die können zu mir als trainierende Person kommen und die Sachen ansprechen, weil ich den Raum dafür geschaffen habe, weil ich keine Angst habe, über diese Themen zu sprechen und weil ich das sehe. Was das psychologisch bei diesen Mädchen dann bewirken würde, ist psychologische Sicherheit. Ich bin sicher hier. Und Sicherheit ist die Grundlage dafür, dass ich sein kann, wie ich bin. Dass ich mich nicht so anpassen muss, dass ich gegen mich selbst gehe, sondern dass mein Ich, so wie ich bin, mit all den Identitäten, die ich mitbringe, dass sie Raum haben. Und wenn ich dieses emotionale Klima geschaffen habe, dann ist Feierabend. Das ist ein geiles Kino, da hab ich Bock, da mitzutrainieren. Da komm ich gerne hin.
Wenn du noch mal was zur Haltung der Menschen sagen kannst, die so eine Gruppe führen, was braucht es da? Welche gelebten Werte sind da wichtig?
Ich muss für mich klar feststellen: Was sind denn eigentlich die Werte, die ich leben möchte? Das heißt, ich muss eine Klarheit darüber haben, was für Werte grundlegend sind für mein Handeln. Das kann zum Beispiel sein, dass jemand sagt, Empathie ist ein großes Wort. Es muss auch erst mal überhaupt sozial gelernt werden, was das eigentlich bedeutet. Ein Gefühl, Mitgefühl, ein Gespür für andere Lebensrealitäten zu haben. Oder ist es zum Beispiel, Verantwortung zu übernehmen. Klar, Position zu beziehen. […]
Wenn ich Position beziehe, mache ich mich sichtbar mit meiner Haltung, mache mich gleichzeitig auch angreifbar. Es kann also eine Möglichkeit geben, dass ich in Konflikte gerate. Und diese Konsequenzkette, die muss ich einmal durchdenken, weil es ist das, was uns hindert und limitiert, Position zu beziehen. […]
Deswegen ist diese innere Arbeit grundlegend und fließt immer in mein äußeres Handeln rein. Deswegen würde ich einem Trainer, einer Trainerin nicht sagen, so okay, mach das so und so und dann handelst du so und dann hast du Haltung. Leute, das ist ein Prozess und ein Entwicklungsprozess und Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Fangt bei euch im Inneren an. Wer möchte ich als Trainerin sein? Was ist mir wichtig? Was habe ich bisher nicht gelebt? Wo sind meine Ängste? Und das ist, glaube ich, eine sehr gute Grundlage, um mit dem Status Quo zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln.
Wir müssen uns auch immer wieder auf die positiven Sachen fokussieren, denn sonst ist es einfach schwierig, motiviert zu bleiben.
Total. Silke, danke, dass du das noch sagst, weil das ist glaube ich etwas, das mir am meisten Hoffnung gibt. Das ist nicht etwas, was im Außen passiert. Das ist, ich habe nicht einfach nur Hoffnung, ich habe eine Vision, Silke. Diese Vision, die ich habe für den Sport oder für diese Gesellschaft, die ist so integriert in meinem Wesen, in meinem System. Eine Freundin von mir vergleicht mich mit einer Ermittlerin aus der US-amerikanischen Serie Criminal Minds, die dann irgendwelche Flipcharts hat, mit so Strategien. So muss es sein, da müssen wir hin, dieses Thema muss auch da platziert werden. Wie so eine Besessene, und das heißt, dass ich natürlich ein Bewusstsein für die Problematik habe. Deswegen bespreche ich sie, aber mein Körper ist voll in einer Lösungskompetenz. Eins zu eins. Und deswegen schaffe ich das auch so krass, in Strukturen so durchzugehen, wo Leute schon seit 20 Jahren die Arbeit machen und leider gar nicht weitergekommen sind. Und das ist bei mir der Fall, weil ich ganz stark in einer Vision verankert bin. Und ich lasse mir von niemandem erzählen, dass wir nicht weiterkommen. Ich halte daran fest, und das ist meine intrinsische Motivation, die mir diese Energie gibt. Und das, was wir weiterhin brauchen, oder was wir entwickeln müssen, ist eine Vision für diesen Sport. Wenn wir die wirklich haben und leben, dann ist Feierabend, Silke, ich sag’s dir. Und da geh ich dran. Ain’t nobody gonna stop me. So I’m ready. Es fängt jetzt erst richtig an, Leute.
Das gesamte Gespräch findest du hier oder hier als Podcast.
Unser Anliegen im 41Campus ist es, die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sportteams wertebewusst zu begleiten. Deshalb wollen wir vor allem Trainer und Trainerinnen in ihrer Vorbild- und Mentorenfunktion stärken. In unserem Podcast spreche ich mit erfolgreichen Menschen im Sport über werteorientiertes Leadership.
Rachel Etse ist Ethnologin, Polizeiforscherin und rassismuskritische Trainerin für Unternehmen, Organisationen und organisierten Sport. Sie promoviert an der Uni Mainz in einem Projekt zum Alltag einer Bereitschaftspolizei und ist seit Dezember 2025 Mitglied im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung.