Vielleicht ist es der wichtigste Moment für den deutschen Frauen-Basketball: Sonntag, 13. September 2026, Deutschland gegen Spanien, es geht um die Bronzemedaille beim FIBA Women’s Basketball World Cup. Es geht um den größten Erfolg für die Nationalmannschaft der Frauen seit knapp 30 Jahren, seit einer Zeit, in der das Spiel ein anderes war, langsamer, überschaubarer vielleicht. 1997 holten die deutschen Frauen in Ungarn eine überraschende EM-Bronzemedaille, vor Family & Friends auf den ansonsten fast leeren Rängen und nahezu keiner Presse. Frauenbasketball wurde eher belächelt als gefeiert. Wenn man das Spiel überhaupt mitbekam.
Aber heute ist die Berliner Arena bis auf den letzten Platz gefüllt: Mädchen und Jungs, Familien und Fanclubs, Banner und Landesfahnen und Gebrüll, Fernsehen und Influencer, Leonie-Fiebich-Trikots und »Macherinnen«-Schilder. In der ersten Reihe: Dennis Schröder, Svenja Brunckhorst und Sunny Greinacher. Pau Gasol, Sue Bird und Dirk – das Who-is-who der Sportart ist gekommen, um ein Spiel zu sehen, das sich grundlegend verändert hat. Als sie auf dem Würfel gezeigt werden, bricht die Halle in Jubel aus. »The Great Nowitzki« sitzt Höhe Mittellinie und sieht zu, was aus dem Spiel geworden ist.
Die Zeiten haben sich gewandelt. Vor 30 Jahren war Dirk ein Teenager in Würzburg, seine DJK spielte in der zweiten Bundesliga. Basketball war schon immer das Spiel seiner Mutter und seiner Schwester: Silke spielte erste Liga, Helga war ehemalige Nationalspielerin. Und der junge Dirk saß an der Mittellinie und sah seiner Schwester zu. Drei Dekaden später ist Basketball die Hype-Sportart schlechthin, sowohl bei den Männern als auch den Frauen. Die deutsche Nationalmannschaft ist Weltklasse und hat vier WNBA-Spielerinnen im Kader, Satou Sabally hat jahrelang für die Dallas Wings gespielt, quasi in Dirks Wohnzimmer. Deutschlands Männer sind amtierende Welt- und Europameister, die 3×3-Frauen sind Olympiasiegerinnen. Und heute sind wir alle hier, um diesen Wandel zu feiern. Und Dirk in erster Reihe, aus alter Gewohnheit.
Busy days, busy Dirk. Berlin ist in den vergangenen zehn Tagen die Welthauptstadt des Basketballs gewesen: Zuschauerrekorde, illustre Gäste und ein pickepackevolles Rahmenprogramm. Candace Parker, Detlef Schrempf, Lisa Leslie. Turniere dieser Größenordnung sind für die Legenden des Spiels rastlose Tage: Podiumsdiskussionen, Sponsorentermine, Fanbegegnungen. Und Spiele, Spiele, Spiele. Bei Dirk Nowitzki ist das nicht anders: morgens Fotoshooting mit UNICEF, weil er UNICEF-Botschafter ist. Danach Podcast mit Silke, um sich zu erinnern und einzuordnen. Mittags FIBA-Boardmeeting, weil er AthletInnenvertreter des Weltverbandes ist. Nachmittags Podiumsdiskussion bei BasKIDball, weil er seit Jahrzehnten als Schirmherr dieses Projekt seines Mentors Holger Geschwindner unterstützt. Und abends zur Night of Legends des deutschen Frauenbasketballs, dem Schaulaufen und Wiedersehen der deutschen Basketballgeschichte, von Askamp bis von Saldern, von Mithat Demirel bis Dirk Nowitzki.
Basketball hat in diesen Tagen gewonnen, aber die Deutschen verlieren das Spiel um Bronze, trotz komplett euphorisierter Halle, trotz der Legenden in der ersten Reihe, trotz des Betens und Brüllens des Publikums. Die Spanierinnen sind konkret und körperlich, clever und smart. Dirk weiß, wie schmerzhaft Niederlagen sind, und vor allem: wie selten Siege. Er hat so oft auf dieser Bühne gestanden, mal hat er gewonnen, noch öfter haben er und seine Jungs verloren. Als Dirk den Spanierinnen die Medaillen um den Hals hängt, den Supertalenten Iyana Martín und Ava Fam, scheint er sich fast zu verbeugen. Man ahnt die Begeisterung in seinem Blick. Für das Spiel, das er so liebt, und das sich wandelt und wächst. Die Freude für die Siegerinnen, den Respekt für die Unterlegenen. Das Finale guckt Dirk dann irgendwo oben in einer Loge, abseits des Scheinwerferlichts, neben seinem Vater und Holger, ungefähr Höhe Mittellinie, wie früher, wie vor mehr als 30 Jahren. Nur völlig anders.