»In dem Moment leben«

Florian Kohfeldt wurde 2018 zum DFB-Trainer des Jahres gewählt, er kennt aber auch die Schattenseiten des Geschäfts. Ein Gespräch mit Silke Mayer.

»Mein Interviewpartner in dieser Folge ist der Fußballtrainer Florian Kohfeldt. Er spricht sehr ehrlich über die Schattenseiten des Profisports und kündigt eine Revolution im Fußball an.«

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Silke Mayer: Florian, vielen Dank, dass du dir heute Zeit nimmst für unser Gespräch.  Wie war dein Weg in die Fußball-Bundesliga?

Florian Kohfeldt: Im Grunde ein Stück weit über einen glücklichen Zufall. Ich habe zunächst im Jugendbereich von Werder Bremen gearbeitet. Erst als Co-Trainer und dann habe ich den Schritt gemacht, eine eigene Mannschaft zu übernehmen. Im Oktober 2013 hat Viktor Skripnik das Angebot bekommen, bei den Profis Trainer zu werden.  Er hat dann gesagt – und dafür werde ich ihm immer dankbar sein – »mach ich, aber nur mit Flo«. So bin ich zu den Profis gekommen. Ich war mit meiner U15 unterwegs und dann kam das im Radio. Viktor rief mich an und sagte »morgen geht´s los«.

In der Saison 2018 bist du zum DFB-Trainer des Jahres gewählt worden. Warst du sehr stolz auf diese Auszeichnung oder wolltest du das nicht zu hoch hängen?

Es war etwas sehr Besonderes für mich, diese Auszeichnung zu bekommen. Und trotzdem sehe ich das so, dass ich der Hilfesteller bin und nicht derjenige, der im Fokus stehen sollte. Ich habe den Preis bekommen, weil es mit einer fantastischen Saison zusammenhing. Wir haben als Mannschaft und Gesamtkonstrukt das verdient, weil wir etwas Besonderes ausgestrahlt haben, nicht nur von den Ergebnissen, sondern auch von der Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben und als Gruppe funktioniert haben. Es war also eine individuelle Auszeichnung, die definitiv stellvertretend war, für alle, die dabei waren.

Wie hat sich diese besondere Mannschaft damals entwickelt? Haben die Menschen einfach gut zusammengepasst oder was hat zum Teambuilding beigetragen?

Wir haben uns vor der damaligen Saison viele Gedanken gemacht, welche Charaktere sich gut ergänzen. Wir hatten auch polarisierende Spieler. Mein Zutun war, dass ich diesen Charakteren erlaubt habe, sich zu entfalten. Eben nicht das Gefühl zu vermitteln, »alle nur in meine Richtung«. Ja, ich gebe die Leitplanken vor und wie wir spielen wollen, aber einen Charakter entwickeln lassen finde ich sehr wichtig, damit die volle Leistungsfähigkeit entfaltet werden kann.

Außerdem ist Rollenklarheit enorm wichtig. Ich werde nie alle Spieler zufriedenstellen können, aber ich muss versuchen, die 13 bis 14 Spieler zu finden, die am Ende genau wissen, was ihre Aufgabe ist, wofür sie hier sind und diese Rolle erfüllen. Ich versuche immer, einen Spieler komplett zu begeistern, der sicher weiß, dass er nicht spielt, z.B. der zweite Torwart. Dafür schafft man so eine Energie. Ansonsten hast Du elf Leute, die zufrieden sind, weil sie spielen, und der Rest ist nicht zufrieden. Und das war damals sehr gut, aber es hat sich auch entwickelt. Sowas kann man nicht immer planen, aber man kann es versuchen. Als Trainer im Fußball ist man meist nicht derjenige, der in der Lage ist, Spieler zu verpflichten oder abzugeben, das macht der Manager. Diese Verbindung ist also extrem wichtig.

»Vom Plan abweichen ist immer wichtig, aber dafür braucht man erstmal einen Plan.«

Du hast auch die Schattenseite vom Profifußball kennengelernt. Du bist nach Werder Bremen ja zum VfL Wolfsburg gewechselt, und da wurde nach einem halben Jahr die Zusammenarbeit beendet. Wie hast du die Zeit im Nachhinein reflektiert?

Die harten Zeiten gehören dazu, leider. Aber sie sind echt nicht so einfach wegzupacken. Wenn ich etwas mache, dann versuche ich das mit 100 Prozent zu machen. Und dann arbeitest du in dem Job 14 bis 15 Stunden am Tag, zumindest bist du erreichbar. Das unterscheidet auch den Trainer vom Spieler, der eher nochmal Regenerationsphasen hat. Dann kommt irgendwann jemand und sagt »so Florian, das war´s jetzt« und dann fährst Du von 110 Prozent am nächsten Tag auf null runter. Und das ist etwas, woran ich an mir enorm arbeiten musste und weiter arbeiten muss, auch solche Phasen zu organisieren und klar zu kommen. Dann fragst du dich morgens schon mal »und was mache ich jetzt heute?«. Ich bin kein distanzierter Trainer. Ich versuche auch eine emotionale Beziehung zu meinen Spielern und zu meinem Staff aufzubauen. Das ist dann wie eine Familie. Du verbringst sehr viel Zeit miteinander – und von einem Tag auf den anderen ist es weg. Man sagt sich dann noch »wir bleiben in Kontakt«, aber dann spricht man sich vielleicht mal zum Geburtstag. Das Menschliche, das tägliche Zusammensein, das fehlt mir brutal.

Was ist dir wichtig in deiner Arbeit als Trainer?

Eine Mischung aus Menschlichkeit und Leistungsorientierung. Das möchte ich in der Beziehung zu meinen Spielern vermitteln. Es gibt eine menschliche Ebene, die nie verloren gehen sollte und die auch von meiner Seite aus nicht verloren geht, aber dass ich trotzdem Entscheidungen treffen muss. Ich finde es unglaublich wichtig, dass meine Gruppe Leidenschaft verkörpert. Ich kann gar nichts damit anfangen, wenn jemand etwas ohne das letzte Feuer tut. Da werde ich dann auch sauer und das ist für mich auch ein Grund, dass derjenige nicht mehr Teil der Gruppe ist, egal welches Leistungsvermögen er hat. Sonst können gewisse Dinge aus meiner Sicht nicht entstehen. Außerdem möchte ich immer sehr gut vorbereitet sein. Vom Plan abweichen ist immer wichtig, aber dafür braucht man erstmal einen Plan. Und den möchte ich gut ausgearbeitet haben. Und da fordere ich von meinem Staff auch relativ viel im Hintergrund. Ein weiterer Punkt ist, dass der Spieler das Allerwichtigste ist. Das ist etwas, was alle verstehen müssen. Es ist vollkommen irrelevant, was ich über Fußball weiß oder denke, es ist nur wichtig, was bei dem Spieler ankommt und was ihm hilft.

Das Gespräch in voller Länge

Wenn Du wissen willst, welche wertvollen praktischen Tipps und Ratschläge Florian für junge Trainer:innen und Sportler:innen hat, dann hör Dir das gesamte Gespräch hier oder hier an.

Unser Anliegen im 41Campus ist es, die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sportteams wertebewusst zu begleiten. Deshalb wollen wir vor allem Trainer und Trainerinnen in ihrer Vorbild- und Mentorenfunktion stärken. In unserem Podcast spreche ich mit erfolgreichen Menschen im Sport über werteorientiertes Leadership.

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Florian Kohfeldt, 1982 in Siegen geboren, ist studierter Sportwissenschaftler und schloss die DFB-Ausbildung zum Fußballlehrer mit großem Erfolg ab. Ab 2014 war er unter Viktor Skripnik Trainerassistent bei Werder Bremen, ab 2017 dann Cheftrainer der Bundesligamannschaft. 2018 wurde er mit dem Trainerpreis des deutschen Fußballs ausgezeichnet. In der Saison 2021/22 war er Cheftrainer des VfL Wolfsburg.

___ von Silke Mayer.

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